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Nationalsozialistische Kunst

Eines der grundlegenden Probleme mit nationalsozilistischer Kunst ist ihre gezielte Funktionalisierung für die Propaganda. Dadurch ist sie so leicht erkennbar, so banal und primitiv, dass der Kunsthistoriker praktisch sofort jedes Interesse daran verliert. Das hat leider oft zur Konsequenz, dass man kaum nach ihren Traditionen, dem gößeren Kontext und schon gar nicht nach ihren Stilmitteln fragt. Wenn der Inhalt eines Kunstwerks so aufdringlich ist, überlagert er seine ästhetische Konzeption fast vollständig. Stellt man jedoch NS-Kunst in den größeren Kontext der Historienmalerei, so ergeben sich automatisch Fragen nach ihrer Tradition, zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten mit anderen Bildern des Genres.

Bei der Suche nach Wurzeln und Traditionen der Kunst der Nationalsozialisten wird man jedoch leicht zum Opfer von deren Propaganda. So sprachen die Vordenker und Theoretiker des deutschen Faschismus ständig von einer "Konservativen Revolution", die explizit als Antithese zur Französischen Revolution mit all ihren verhassten Auswirkungen wie Demokratie, Liberalismus, Modernismus und Individualismus verstanden wurde. Als Wiege dieser Ideen gilt natürlich die Romantik mit all ihrer Ablehnung des Rationalismus der Aufklärung.

Im 19. Jahrhundert wurde die Romantik und die von ihr initiierten Stilrichtungen wie die Neugotik, die Nazarener oder Präraffaeliten vorwiegend zu Ausdrucksformen von Konservativen, Monarchisten und Nationalisten. Die Neoklassik galt dagegen als typisch für Republikaner und Liberale, also für die Erben von Französischer Revolution, Rationalismus und Aufklärung.

Dass dieses Schema nicht ganz so einfach ist, zeigt ein kurzer Blick auf die Architektur. Konservative und Romantiker favorisierten generell Neugotik und andere am Mittelalter orientierte Stilrichtungen.


Karl Friedrich Schinkel: Gotischer Dom am Wasser (1813), Caspar David Friedrich: Abtei im Eichenwald (1810)


Betrachtet man dagegen die Bauten und Pläne des nationalsozialistischen Stararchitekten Albert Speer, so wird schnell deutlich, dass die deutsche Romantik damit absolut gar nichts gemein hatte.


Albert Speer: Volkshalle, Reichsparteitag in Nürnberg

Speers Volkshalle war vom Pantheon in Rom inspieriert und hatte damit das selbe Vorbild wie das Pantheon in Paris oder das Capitol in Washington. Es gibt jedoch zwei fundamentale Unterschiede zum Pantheon in Rom und den Bauten in Paris und Washington. Verglichen mit den anderen Bauten ist die Volkshalle gigantisch, eine Monstrosität. Diese Gigantomanie resultiert aber nicht einfach in neuen architektonischen Möglichkeiten, sondern hat vor allem den Zweck, den Menschen, das Individuum zum Nichts oder zur Ameise zu reduzieren. Es ist übrigens dieselbe Intention, die sich hinter den Masseninszenierungen der Reichsparteitage von Nürnberg verbirgt.

Der zweite große Unterschied ist die starke Vereinfachung, die Rationalisierung, die aus der Volkshalle so etwas wie eine Bauhaus-Version des Pantheon macht. Der Architekturstil der Nazis war also nicht einfach eine Fortführung des Neoklassizismus, sondern dessen Adaption an die offiziell so verachtete Neue Sachlichkeit.


Albert Speer: Reiskanzlei, Tempelhof

Die enge Beziehung der Nazi-Architektur zur Moderne wird besonders am Beispiel des Flughafens Tempelhof, den der britische Architekt Sir Norman Foster als "the mother of all airports" bezeichnet hat. Hier dominiert ein extrem vereinfachter Neoklassizimus, der weit mehr mit dem Art Deco eines Chrysler Building als der bei Konservativen so beliebten Mittelalterromantik zu tun hat.



Diese kurze Exkursion ist meines Erachtens nach deshalb sinnvoll, da am Beispiel der Architektur Stilfragen deutlicher werden als an der Malerei, wo sie normalerweise vom aufdringlichen Inhalt überlagert werden.
Wendet man sich nun der Historienmalerei zu, kann man schnell feststellen, dass trotz aller Propaganda auch hier von der konservativ romantischen Tradition des 19. Jahrhunderts so gut wie nichts geblieben ist.


Adolf Ziegler: Parisurteil (1939), Ivo Saliger: Parisurteil (1939) und Dianas Rast (1940)

Dem Stil dominiert ein vereinfachter Neoklassizismus, der sich gerne mit mythischen und allegorischen Themen beschäftigt. Hierbei fällt auf, dass die Personen, was Körper und Haartracht angeht absolut modernisiert sind. Zudem scheint sich gerade das "Urteil des Paris" einer ganz besonderen Wertschätzung erfreut zu haben. Ein Naziführer trifft seine Wahl. Im Weltkrieg gab es dann sogar Pläne Polygamie für die Führungsschicht zu legalisieren.

Zum Vergleich hier zwei Fotos und ein Poster der Zeit. Es bleibt kein Zweifel, dass auf den Gemälden exakt der selbe Frauentyp dargestellt wird, und es ist ein Typ absolut nichts Individuelles.




Selbst wenn aber so etwas wie normale Historiengemälde produziert wurden, hatten diese mit dem historisch-narrativen schon lange nichts mehr gemein. Man erzählte keine Geschichten mehr oder versuchte gar etwas wiederzugeben, was einmal geschehen war. Man schuf statt dessen allegemeingültige Allegorien, zeigte Typen statt Individuen, heroisch-sakrale Posen anstatt menschlichen Verhaltens


Arthur Kampf: Um die Fahne, Ferdinand Staeger: Abwehr östlicher Einfälle


Albert Bürkle: Kämpfender Bauer, Arthur Kampf: Die Jungfrau von Hemmingstedt (1939), Elk Eber: Die letzte Handgranate (1937)

Im Mittelpunkt dieser Bilder steht immer eine heroische Figur, der aber jede Individualität fehlt, es handelt sich um aggresive Allegorien, die oft bis zur Karikatur übersteigert sind. Interessant ist auch wie das alte Bild der Jungfrau (Maria) hier nationalistisch umgedeutet wird. Sie führt nun das Volk zur Schlachtbank.



Während Geschichte also einerseits immer offensichtlicher an die Gegenwart angepasst wurde, benutze man oft alte Techniken um dem Dargestellten auf diese Weise eine Art Tradition zu geben.

An allererster Stelle kamen hier sicher Wandmalereien, mit denen offizielle Gebäude geschmückt wurden. Im Still von Renaissancefresken sollten die Gemälde dort Tradition vermitteln.

Das herausragendste Beispiel ist hier sicher der Braunschweiger Dom, der 1937 zu einer Art nationalsozialistischem Heiligtum umgestaltet wurde. Dazu wurde das Langhauses mit acht monumentalen Wandgemälden dekoriert, die Szenen aus dem Leben Heinrichs des Löwen zeigten, der dort in der Krypta bestattet ist.


Wilhelm Dohme: Grenzschutz im Osten, Heinrich und Barbarossa

Der Künstler Wilhelm Dohme benutzte dazu zwar die traditionelle Sgraffito-Technik. Die Art der Darstellung ist jedoch deutlich vom Bauhaus-Stil der Zwanziger Jahre geprägt.

Auch andere Wandgemälde unterstreichen diesen Trend zur Moderne:


Das gigantische Wandgemälde "Tanks" von Ferdinand Spiegel vergleicht angreifende Panzer mit der preußischen Kavallerie Friedrichs des Großen. Geschichte ist hier eine zeitlose Allegorie, Panzer und Kavallerie sind Symbole der Kraft in der ewigen Welt des Krieges.

1938 dekorierte Franz Eichorst das Schöneberger Rathaus in Berlin mit einigen Szenen aus dem Ersten Weltkrieg und dem folgenden Bürgerkrieg in Deutschland. Auch hier sind die stilistischen Einflüsse von Bauhaus und Neuer Sachlichkeit nicht zu übersehen.


Das inzwischen übermalte Wandgemälde im Schöneberger Rathaus

Ähnlich sind auch die Wandteppiche von Werner Peiner zu sehen. Er glorifiziert die Deutsche Geschichte in einer ganzen Serie heroischer Schlachten von dem Sieg über die Römer im Teutoburger Wald bis zur Tankschlacht von Cambrai. Deutliches Vorbild war hier der Wandteppich von Bayeux.


Werner Peiner: Kampf um die Marienburg

Beliebt war auch die alte Form des Triptychon, mit der man das Dargestellte in sakrale Höhe erhob. Hier war allerdings oft mehr die Form als der Inhalt historisch.


Adolf Ziegler: Die Vier Elemente (1937)


Wilhelm Sauter: Heldenschrein (1936)

Negation der Geschichte

Diese grundlegende Tendenz zu Heroisierung und Typisierung bewirkte, dass sich Historiengemälde generell keiner großen Populariät erfreuten. Obwohl die Nazis sich fast ständig auf die Geschichte beriefen, hatten sie doch kein echtes Interesse an ihr. Der grundlegende Entwicklungsgedanken des Historismus, der die Gedanken des 19. Jahrhunderts geprägt hatte, war durch eine eschatologische Pseudoreligion ersetzt worden. Geschichte wurde nicht mehr erzählt, sondern bestenfalls als Beispiel angerufen und vorgeführt. Sie war zum beliebig formbaren Material für Künstler und Politiker geworden.



Sehr gut illustrieren dies Propagandaplakate der Kriegszeit. Auf einigen werden zwar historische Motive verwandt, sie stehen jedoch immer als Aufruf oder Mahnung im Hintergrund. Geschichte hatte eine rein appellative Funktion.

Die seltsame Mixtur aus Pseudoreligion, ahistorischem eschatologischem Geschichtsverständnis, Heroismus und Führerkult wird am deutlichsten wenn Hitler selbst thematisiert wird.



Es geht hier weder um Geschichte oder gar Realität, sondern einfach um religiöse Allegorien. Hitler erscheint einmal als Gralsritter Parzival; auf dem anderen Bild wird er gar als eine Art Erlöser mit Heiligenschein präsentiert, wobei der Reichsadler an die Stelle des Heiligen Geistes rückt.

Sicher Kitsch allerschlimmster Art, aber gerade deshalb äußerst enthüllend. Geschichte soll wieder zum Mythos werden, Hitler wird dabei zum zeitlosen Heilsbringer und Erlöser.