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Die großen Gesten

Historiengemälde möchten in erster Linie eine Geschichte erzählen. Im Unterschied zu früheren Epochen, wo immer wieder die selben biblischen und später auch antiken Stoffe interpretiert wurden, konnte sich ein Historienmaler nicht darauf verlassen, dass dem Betrachter das Geschehen und seine moralische Bewertung bereits bestens vertraut waren. Er musste also narrativ eingreifen und moralische Entscheidungshilfen liefern.

Die großen Gesten, die für das Genre so typisch sind, erklären sich deshalb auch weniger aus der dargestellten Situation, sondern wenden sich viel mehr direkt an den Betrachter. Eigentlich wird ein Drama oder eine Oper inszeniert, woher die Gesten ja auch stammen. Die Figuren agieren nicht unter sich, sondern spielen für den Zuschauer.


Alexandre Cabanel: Ophelia (1883)
Die theatralisch sterbende Heldin. Das Opheliamotiv von Shakespeare wurde in unzähligen Bildern verarbeitet und diente aber auch als Vorlage für andere sterbende Heldinnen und Helden.


Eduardo Cano de la Peña: Colón en el Monasterio de la Rábida (1865)
Kolumbus erklärt seine Pläne. Dabei zeigt er mit einer Hand auf die Landkarte und weißt mit der anderen höchstwahrscheinlich nach Amerika, ohne selbst in eine dieser Richtungen zu blicken.


Antonio Gisbert Pérez: Los Comuneros de Castilla (1860)
Eine Nonne versucht einen der zum Tode verurteilten Rebellen mit dem Verweis auf Gott – anscheinend links oben – zur Reue zu bekehren. Er verweigert sich trotzig und stolz.


Friedrich Paul Thumann: Luther verbrennt die Bannbulle (1872/73)
Denselben Stolz entdeckt man auch bei Luther, als er theatralisch die päpstliche Bannbulle ins Feuer schleudert, während eine Frau versucht besänftigend auf ihn einzuwirken.


Carl Gustaf Hellqvist: Valdemar Atterdag brandschatzt Visby (1882)
Auf Hellqvists Gemälde ballt der Bürgermeister in hilflosem Zorn seine Faust und wirft gleichzeitig wutentbrannte Blicke in Richtung des Dänenkönigs. Seine Frau – als Marienfigur dargestellt – blickt dagegen flehentlich zum Himmel.


Vasily Ivanovich Surikov: Am Morgen der Hinrichtung der Strelitzen

Bei Surikov sind diese mörderischen Blicke dann das zentrale Bildelement. Einer der verurteilten Strelitzen starrt voller Hass auf Peter den Großen. Dieser gibt den Blick aus leicht erhöhter Position mit gleicher Innbrunst zurück.


Carl Theodor von Piloty: Thusnelda im Triumphzug des Germanicus (1873)

Piloty zeigt Thusnelda und die gefangenen Germanen als Personen voller Stolz und Würde. Die siegreichen Römer sind dagegen affektiert, verfettet, kurz gesagt vollkommen dekadent. Der Kaiser blickt finster, er scheint zu ahnen, dass hier die künftigen Eroberer Roms an ihm vorbeiziehen.


Lionel-Noël Royer: Vercingetorix wirft Cäsar seine Waffen vor die Füße (1899)


Ganz ähnlich hat dann auch Royer die gallische Niederlage gegen die Römer verklärt. Vercingetorix präsentiert sich Cäsar wie einstolzer Sieger, während dieser und seine Offiziere anscheinend so gar keinen Grund zur Freude haben.

Royers Bild ist in seiner theatralischen Gestik so übertrieben, dass es sich der Zeichner von Asterix und Obelix – zweifelsohne ein großer Freund und Verehrer der stolzen Gallier – nicht verkneifen konnte, dieses Bild in seiner Comicreihe ironisch zu zitieren.


Mit der Zeit und je mehr sie wiederholt wurden, wurde das Publikum jedoch dieser Gesten überdrüssig. Zunehmend klagten Kritiker darüber, dass die Künstler keine „realen“ Personen zeigten, sondern billige Effekte vorführten. Die Historienmalerei kam aus der Mode. Dennoch sollte man in diesem Kontext darauf verweisen, dass diese ganze Theatralik nun vom neuen Medium des Stummfilms mit Begeisterung aufgegriffen wurde.

>> Historienmalerei und Film