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Historienmalerei und Film

Niemand will bestreiten, dass das Kino hauptsächlich ein Kind des Theaters war. Doch daneben hatte es noch andere Väter. Da waren zuerst einmal die beliebten Panoramen, an deren Produktion besonders Historienmaler beteiligt waren, und dann natürlich die großen Historiengemälde selbst. Außerdem sollte man nicht übersehen, dass viele namhafte Künstler auch gleichzeitig fürs Theater arbeiteten, und über diesen Umweg ihre Bilder und optischen Tricks dann wieder den Weg ins Kino fanden. So beruhte z.B. fast das ganze Dekor der Wagneropern weniger auf historischen Forschungen als auf den Vorstellungen populärer Maler.

Die detailverliebten "Historienschinken" waren (und sind) sicher die Inspiration für viele Requisiteure, Maskenbildner und Kostümdesigner. Doch es blieb nicht allein bei der puren Dekoration; das Kino übernahm auch mit Begeisterung die großen Gesten, die Frauenbilder und Heldenposen, die "Beleuchtungstricks", die in dieser Deutlichkeit in der Oper gar nicht machbar waren. Vor allem war es aber die Inszenierung des ganz großen Spektakels, womit die Historienmalerei ihren größten und letzten Endes wohl dauerhaftesten Einfluss hatte.


Die großen Gesten

Im Gegensatz zum Theater standen Stummfilm und Historienmalerei vor einem ähnlichen Problem. Sie wollten eine Geschichte erzählen und hatten keine Sprache zur Verfügung. Also stößt man in beiden Medien auf die selben rollenden Augen, erhobenen Arme, auf exzessiv übertriebenen Stolz und Hingabe.


Die Präraffaeliten

Betrachtet man Bilder berühmter weiblicher Stummfilmstars, so ist der Einfluss des Frauenbildes der Präraffaeliten unübersehbar. Es wird nicht nur derselbe Frauentyp präsentiert; auch Haltung und Gestik sind oft fast identisch.


Die Orientalisten

Wie in der Malerei erfreute sich der Orient auch in den frühen Filmen großer Beliebtheit. In Filmen wie "Der Scheich" (1921) oder "Der Dieb von Bagdad" (1924) ist dann der Einfluss der Orientmaler bei der Ausstattung unübersehbar. Wie den Malern ging es den Regisseuren ja ohnehin nicht darum, den Orient möglichst real zu zeigen, sondern eine möglichst exotische Traumlandschaft vorzuführen.


Kleopatra

Das bevorzugte Sujet der Maler, die Orientalismus und Historie verkaufsträchtig verbanden, war das ferne Ägypten und dort vor allem Kleopatra. Als dann 1917 er der erste größere Film mit Theda Bara zu diesem Thema produziert wurde, waren Historiengemälde natürlich die Hauptquelle für die Ausstattung. Betrachtet man sich einige der kolorierten Bilder, so ist die Ähnlichkeit mit den Gemälden von Gérôme, Alma-Tadema, Cabanel oder Bridgman unübersehbar.


Licht und Dekor
Es war aber wie gesagt nicht nur die Dekoration. Das Bild mit Gloria Swanson aus dem Film "Male and Female" (1919) zeigt deutlich, wie daneben auch "Beleuchtungseffekte" übernommen wurden. Eine Szene wie diese, wäre im Theater kaum zu machen gewesen, entspricht aber in etwa den Illuminationstricks von Gérôme.


Dekoration
Wie oft bekannte Bilder und zur Dekoration herangezogen wurden, erkennt man sehr schön an dem Plakat zu "The Black Pirate" (1926). Bei dem Bild daneben handelt es sich um eine Illustration des Malers Howard Pyle.


Die Nibelungen

Bilder dienten aber nicht nur als Inspiration; es konnte auch vorkommen, dass Künstler sozusagen die Gesamtausstattung übernahmen. So hatte der Wiener Jugendstilmaler Carl Otto Czeschka kurz nach 1900 die Illustrion einer Ausgabe des Nibelungenliedes übernommen. Dieses Jugendstildekor diente dann Fritz Lang als Vorlage für seinen Film "Die Nibelungen" (1922/24).


Alexander Nevsky

Auch wenn man Sergej Eisensteins Film "Alexander Nevsky" (1938) mit den Bildern von Viktor Mikhailovich Vasnetsov vergleicht, sieht man, wo sich Regisseur und Requisiteure bedient haben.



Noch deutlicher wird dies wenn man ein Plakat des Durchhaltefilms mit einem Bild Vasnetsovs vergleicht, das er kurz vor dem Ersten Weltkrieg gemalt hat. Hier stimmt dann nicht nur das Kostüm, sondern auch Pose und Beleuchtung.


Das Spektakel

Mit der Einführung des Tonfilms entschwanden zwar die übertriebenen Gesten, die anfangs so wichtig gewesen waren, und auch bei der Beleuchtung war das Kino bald seinen Vorbildern überlegen. Doch es blieb das große Spektakel. Hier war das Theater wenig hilfreich, das man sich dort bei Schlachten und ähnlich monumentalen Szenen auf die Mauerschau beschränken musste. Die Historiengemälde verfügten allerdings über eine lange Erfahrung auf diesem Gebiet. Ganz große Ereignisse waren hier schon lange in Farbe, mit extremer Tiefenschärfe und opulentem Dekor dargestellt worden.



Sehr großen Einfluss hatte der der heute weitgehend unbekannte spanische Künstler Ulpiano Checa (1860-1916). Das dekadente Rom waren Checas bevorzugtes Sujet gewesen. Zahlreiche Ölgemälde, Zeichnungen und Skizzen zeigen Wagenrennen, kämpfende Gladiatoren oder prassende Römer. Diese Bilder dienten dann viel später einigen Hollywood-Regisseuren als Inspiration und Vorlagen zur Inszenierung so berühmter Filme wie "Quo Vadis" (1951) von Mervyn Le Roy, "Ben Hur" (1959) von William Whyler oder "Spartakus" (1960) von Stanley Kubrik - um nur die wichtigsten zu nennen.



Selbst als der so genannte "Sandalenfilm" mit Ridley Scotts "Gladiator" (2000) eine computeranimierte Renaissance erlebte, standen Phantasie und Vorstellungskraft der Historienmaler immer noch hoch im Kurs. Ridley Scott hatte sich von Gérômes Gemälde "Pollice Verso" anregen lassen. Die Kostümdesignerin Janty Yates nannte Alma-Tadema als Vorbild, und wer sich dessen Colosseum ansieht, erkennt sogar, was die Computergrafiker als Vorlage verwendeten.



Historienmalerei war immer Theater und wahrscheinlich scheiterte sie als Kunstform auch daran, dass diese Tricks irgendwann durchschaut wurden. Denn dadurch wurde der Anspruch des Realismus als pure Täuschung entlarvt. Deshalb würden wir uns auch nicht Ridley Scotts Urteil anschließen, der die Historienmaler des 19. Jahrhunderts als "die größten Fotografen" bezeichnete. Dennoch ist es ohne Zweifel als ein Zeichen des Respekts zu werten, den ein Großmeister des Spektakels seinen Vorgängern zollte.