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Erotische Malerei

Wahrscheinlich hatten Künstler spätestens seit der Renaissance begriffen, dass nackte attraktive Frauenkörper sich ausgeprochen positiv auf den Verkauf von Kunstwerken auswirkten. Das grundlegende Problem dabei war allerdings, dass seit dem Mittelalter die Abbildung nackter Körper strikt untersagt war. Die einzige Ausnahme war die Illustration religiöser Geschichten, wodurch Eva dann wahrscheinlich zum ältesten Pin-up der abendländischen Kunstgeschichte avancierte.


Jan van Eyck: Eva (1426), Albrecht Dürer: Eva (1507), Lucas Cranach d.Ä.: Adam und Eva (1526)


Zu Eva gesellten sich bald ihre Schwestern und Cousinen Bathsheba, die badend König David verführte, die badende Susanna und viele andere. Besonders beliebt war die reumütige Maria Magdalena, die gerne als reumütige ehemalige Prostituierte dagestellt wurde, obwohl Belege hierfür in der Bibel fehlen.


Leonardo da Vinci: Maria Magdalena, Lazarus van der Borcht: Lot und seine Töchter


Die Wiederbelebung der antiken Literatur erweiterte diesen Themenkreis dann noch einmal gewaltig. Die klassischen Göttinnen Venus, Aphrodite, Diana oder die Frauengestalten aus Mythen und Legenden wie Helena, Leda oder Danae gewannen schnell an Popularität. Da es sich hierbei ja um nichtchristliche Gottheiten oder Personen handelte, war Nackheit nicht nur erlaubt, sondern in einem sozusagen größeren kulturhistorischem Interesse geradezu obligatorisch. Schließlich konnte man ja am Beispiel der antiken Fresken und Statuen leicht erkennen, dass bereits die Griechen und Römer andere Vorstellungen bezüglich der Bekleidung gehabt hatten.



Sandro Botticelli: Die Geburt der Venus (1485/86), Jan Gossaert: Danae (1527)


Mit der Darstellung klassischer Mythen und Gottheiten kam es dann auch groß in Mode nackte Frauen als Allegorien zu verwenden. Frauenkörper symbolisierten nun menschliche Tugenden, und da diese ja ein irgendwie in der Antike verwurzeltes aber letztlich zeitloses menschliches Ideal darstellen sollten, schien es mehr als angebracht sie in ihrem Naturzustand - also nackt - zu zeigen.
Dass Griechen und Römer fast ausschließ Männer nackt darstellten, Frauen dagegen vorwiegend bekleidet, scheint niemanden gestört zu haben.



Lucas Cranach d.Ä.: Die drei Grazien (1530), Hans von Aachen: Die drei Grazien (c.1604)


Besonders populär waren hier die Drei Grazien, da sich hier gleich drei schöne Frauen dem Betrachter darboten und diese außerdem noch drei Tugenden der Kunst symbolisierten.


Jan Massys: Venus van Cythera (1561), David und Bathsheba (1562)

Viele Maler wie der Flame Jan Massys, ein früher Meister nackter Frauenkörper - zeigten oft dieselben Frauen in weitgehend denselben Posen manchmal allerdings in biblischem, dann in mythologischem oder auch allegorischem Kontext. Oft waren es nur kleine Attribute, die anzeigten, dass es sich hier um eine "Venus", ein Bathsheba oder Susanna handelte. Dabei wird natürlich deutlich, dass die Geschichte an sich absolut keine Rolle spielte, sondern nur den Vorwand lieferte, um den prächtigen Frauenkörper in Szene zu setzen.



Guido Cagnacci: Tod der Kleopatra (c.1660), Maria Magdalena (1663)

Auch die beiden Bilder des italienischen Barockmalers Guido Cagnacci zeigen eine starke Ähnlichkeit. Auch für ihn ist die Geschichte zweitrangig, sondern bietet vor allem die Gelegenheit verführerische Frauenkörper zu präsentieren.

An der großen Beliebheit nackter Frauenkörper und der Themwahl änderte sich über mehr als dreihundert Jahre nur sehr wenig. Vor allen Dingen lernten die Künstler ihre "Objekte" besser zu positionieren und noch natürlicher dazustellen. Einen guter Teil der religiösen und ein noch größerer Teil der mythologischen Malerei würde man heute als "Softporno" bezeichnen, der recht ähnlichen Mustern folgte wie die Exploitationfilme der 1970er und 80er Jahre.



Peter Paul Rubens: Venus, Bacchus und Ceres (1612-13), Willem Drost: Bathsheba (1654)


Charles Joseph Natoire: Psyche bei ihrer Toilette (1735), François Boucher: Leda (1742)


Aus heutiger Sicht mag sich vielleicht die Frage stellen warum man diese Serienproduktion von Softporno unter "Historienmalerei" einordnet. Doch genau darum handelte es sich. Historienmalerei bezog sich im Gegensatz zu Landschaftsmalerei, Stilleben oder Porträts auf die Darstellung einer Geschichte; diese konnte aus der Bibel stammen, der antiken Mythologie oder einen realeren Hintergrund haben. Religion, Allegorie, Mythos und reale Geschichte wurden nicht unterschieden, sondern immer weiter verwoben. So war es zum Beispiel ganz normal, dass sich bekannte Personen als griechische Gottheiten abbilden ließen.

Salonmalerei

Dies änderte sich als im Zuge der Aufklärung Geschichte zur kritischen Wissenschaft avancierte. Nun wurde die Vergangenheit als etwas betrachtet, das man möglichst genau nacherzählen konnte, oder im Bereich der Kunst eben realistisch abbilden sollte. Eine weitere Konsequenz war, dass man Historienmalerei von der Darstellung religiöser und mythologischen Themen trennte; natürlich nicht immer mit Erfolg.

An der Popularität nackter Frauenkörper änderte dies zwar wenig, man begann jetzt aber damit diese historisch in Szene zu setzen und entdeckte auf diesem Weg plötzlich den Reiz exotischer Frauendarstellungen. Man beschränkte sich meistens auch nicht mehr darauf einfach eine liegende oder sitzende Frau vor einer klassizistischen Architekturkulisse zu zeigen. Historische Dekoration und damit auch "Aktion" gewannen unheimlich an Wert.


Jean-Léon Gérôme: Phryne vor dem Areopag (1861), Alexandre Cabanel: Kleopatra lässt Gift an zum Tode Verurteilten erproben (1887)

Ob nun Gerome Phrynes dramatischen Auftritt vor dem Aeropaga darstellte, oder Cabanel wie Kleopatra (angeblich) Gift an Häftlingen erproben lässt, exotische Kleidung, großße Gesten und auch die Architektur sind nun von starker Bedeutung.

Natürlich war die römisch griechische Geschichte als Hintergrund immer noch äußerst beliebt, aber fast alle Künstler hatten Pompeii besucht, sammelten antike Vasen und Skulpturen und versuchten die Szenerie möglichst genau zu treffen.


Charles Gleyre: Sappho (1867), Gustave Rodolphe Boulanger: Ein Sommerbad in Pompeii (1876), John William Godward: Ein Bad in Pompeii (1890)


Zunehmend beliebt wurden auch Szenen aus Ägypten oder dem noch ferneren Zweistromland, bei denen Architektur und Kleidung noch exotischer wirkten. Hier vermischte sich die Historienmalerei ganz offen mit dem neuen Orientalismus.


Edwin Longsden Long: Die Favoritin aus dem Osten (1880), John Collier: Die Kammerzofen des Pharaohs (1883), Ernest Normand: Die Weiße Sklavin (1894)


Die Vorliebe für das Historisch-Exotische ging nun sogar so weit, dass auch bei biblischen Motiven, die ja genau genommen nicht mehr als Historienbilder zählten, zunehmend darauf geachtet wurde, so dass auch hier die Nackten immer "historischer" i.e. exotischer wurden.


Edwin Longsden Long: Moses wird gefunden (1886), Jean-Léon Gérôme: Bathsheba (1889)


Selbst die Darstellung klassischer Mythen wurde nun historisch exakt umgesetzt. Ob man Nixen, Elfen oder Göttinnen darstellte immer achtete man darauf sie möglichst "naturgetreu" (was auch immer das sein sollte) abzubilden.


Edward Poynter: Die Höhle der Sturmnymphen (1903), Herbert James Draper: Odysseus und die Sirenen (1910)



Frederick Leighton: Psyche im Bad (1879), John William Godward: Venus bindet ihr Haar (1897) Guillaume Seignac: Psyche erwacht (1904)

Konsequenzen

Trotz aller realistischer und historischer Exaktheit war es letzten Endes auch jetzt egal ob man eine biblisches, mythologisches oder historisches Motiv wählte; nach wie vor zählte der nackte Frauenkörper im Mittelpunkt. Auf genau diesen Sachverhalt bezog sich der französische Künstler Honoré Daumier mit seiner 1864 erschienenen Karikatur über die Jahresausstellung des Pariser Salons. Zwei bürgerliche Frauen eilen schockiert an all den ausgestellten nackten Frauenkörpern vorbei und rufen dabei "Dieses Jahr schon wieder Venusse...immer Venusse!"



Mit der Entwicklung der Fotografie wurden diese klassischen und mythologischen Nackten auch für ein größeres Publikum erschwinglich. Fotos auf denen Frauen Walküre, Andromeda oder Kleopatra posierten waren Anfang des 20. Jahrhunderts ganz groß in Mode. Interessant ist hierbei zudem, wie hier in der Fotografie Posen und Stilmittel der Malerei nachgeahmt werden.
Zudem sind diese Fotografien nur die logische Fortsetzung der fantasielosen Fließbandproduktion, die die Künstler bereits vorher begonnen hatten.



Historisierende Erotikfotos


Die Salonmalerei scheiterte letzten Endes aber nicht an den Nackten, sondern dem vorgegetäuschten Realismus. Denn selbst wenn man Fischschuppen oder Flügel völlig detailgenau wiedergibt, werden die abgebildeten Nixen und Elfen noch lange nicht realer. Nachdem das Publikum dann die Tricks durchschaut hatte, war der Anspruch des Realismus nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Art Deco
Geschichte wurde dadurch zum freien Spielmaterial, zur exotischen Kulisse, derer man sich bedienen konnte ohne Realität vortäuschen zu müssen.


Henry Clive: A Melody of Ancient Egypt, Rolf Armstrong: Kelopatra (1939) Alberto Vargas: Diana (1941)

Die großen Künstler des amerikanischen Art Deco wie Rolf Armstrong, Alberto Vargas oder Henry Clive gaben sich absolut keine Mühe eine ferne Vergtangenheit vorzutäuschen. Sie zeigen ganz bewusst Frauen ihrer Zeit, die im historischen Kostüm als Femme Fatales posieren.

Fantasy Malerei

Die logische Konsequenz dieser Entwicklung führte dann zur Fantasy Kunst. Hier wird dann explizit jeder Realitätsanspruch aufgegeben, und Geschichte dient einzig als Lieferant exotischer Kostüme und Kulissen.


Frank Frazetta: Abtrünniger Römer (1968), Boris Vallejo: Gracus der Legionär (1978)

Man sollte aber auch hier trotz aller exotischer Farbenpracht darauf achten wie sehr die Figuren in Körperbau, Haartracht und Reizwäsche nach gegenwärtigen Vorstellungen modelliert sind. Gracus der Legionär ist zudem ein recht genaues Selbstporträt von Vallejo.

Es gibt natürlich viele Leute, die sich weigern hierbei von Kunst zu sprechen, doch Frazetta und Vallejo haben ihre Wurzeln fest in der Historienmalerei des späten 19. Jahrhunderts. Man sollte aber vielleicht festhalten, dass sie bei weitem nicht so prätentiös und scheinheilig sind wie ihre damals vom Kunstbetrieb so hoffierten Kollegen.